Kunst und Ökologie |

Prof. Dr. Ulrich von Weizsäcker und Dr. Manfred Fischedick

Gedanken zum Ruhr-Atoll aus energiewirtschaftlicher Perspektive

„Kunst ist Energie, Energie ist Bewegung“ – so lautet der dem Ruhr-Atoll zu Grunde liegende Leitgedanke. Bezieht man die kinetische Kunst mit ein, die von Gabriele Uelsberg in ihrem Beitrag angesprochen wird, kommt es zu einem Zirkelschluss: denn aus Bewegung, über sich bewegende Elemente entstehen Kunstwerke. Offensichtlich haben Kunst und Energie über diese Kunstform eine besondere Weise der wechselseitigen Wirkung auf den Beschauer. Weniger augenscheinlich ist aber eine andere Verbindung von Kunst und Energie, nämlich die eher natur- und ingenieurwissenschaftliche sowie energie- und umweltpolitische Auseinandersetzung mit der Frage der Entwicklung von Energienachfrage einerseits und deren Deckung andererseits. Dabei liegt gerade auch in dieser Verbindung eine große Chance, wenn die Kunst als Vehikel, quasi als Transportmedium genutzt wird, die Energieversorgung mit ihren vielfältigen Facetten in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken.

 

Blickt man zurück in die 70er und frühen 80er Jahre, so erinnert man sich an ressourcen- und umweltpolitische Themen weit oben auf der tagespolitischen Agenda. Der „Club of Rome“ hatte 1972 mit seinen „Grenzen des Wachstums“ die Begrenztheit der Ressourcen ins Bewusstsein gebracht und später rüttelte vor allem das Waldsterben und die Diskussion über das Pro und Contra der Kernenergie Deutschland auf. Seit Mitte der 90er Jahre ist vor allem der Klimaschutz die beherrschende Fragestellung.

Die Veröffentlichung des vierten Sachstandsreport des Weltklimarates, die Zunahme an wahrscheinlich klimabedingten Wetterextremen mit horrenden Schadensmeldungen und die drastisch gestiegenen Energiepreise machen Energiethemen heute zu einem natürlichen Bestandteil der politischen und gesellschaftlichen Diskussion.

Mit der gesellschaftlichen Aufwertung des Themas allein ist aber praktisch noch nichts erreicht. Die Treibhausgasemissionen steigen weltweit weiter an, und die energiebedingte Umweltverschmutzung nimmt insbesondere in den Megastädten der Welt extreme Ausmaße an. Trotz starker Sensibilisierung entzieht die Energieversorgung in den Industrieländern immer noch zu großen Teilen der Wahrnehmung der Verbraucher.

Per Knopfdruck können wir die Nacht zum Tage machen, wir halten es für eine Selbstverständlichkeit, dass das Licht angeht, wenn wir auf den Lichtschalter drücken, dass die Musik zu spielen beginnt, wenn wir die Play-Taste betätigen. Warum sind wir aber noch so zaghaft im Aufgreifen der verfügbaren Klimaschutztechnologien. Ist es die Angst vor der Größe und der Wucht der Herausforderung oder ist es diejenige vor dem für wirksamen Klimaschutz notwendigen Aufbrechen bestehender Strukturen. Wir können es uns heute zudem nicht mehr leisten nach jedem kurzfristigen Preisrückgang oder überwundenen Flut- bzw. Sturmkatastrophe zur Normalität überzugehen. Es ist dagegen an der Zeit, die Energiefrage dauerhaft in unser Bewusstsein zu rücken.

Die Kunst kann dazu gleichermaßen im doppelten Sinne beitragen. Sie kann zum einen das schon genannte Vehikel stellen, „Energie“ plastisch darzustellen und damit wieder erfahrbar zu machen. Zum anderen kann sie zu einer Dynamisierung des Diskussionsprozesses beitragen, denn auch im Energiebereich ist heute ein hohes Maß an Inspirationsfähigkeit erforderlich, das der Kunst zu eigen ist. Geschichtlich betrachtet ist die Energieversorgung durch Zyklen geprägt. Die zunächst traditionelle Nutzung von natürlichen Ressourcen (vor allem Holz) bis zum Beginn der Industrialisierung wurde durch die Dampfmaschine und das Kohlezeitalter abgelöst. Im 20. Jahrhundert folgte der Einstieg in die Nutzung von Öl und Erdgas. Die sich auf den Ölmärkten in substantiellen Preisanstiegen niederschlagenden Verknappungstendenzen zeigen uns dabei gerade ihre Grenzen auf. In den 60er Jahren wurde mit der Kernenergie eine weitere Energieform erschlossen, über deren Nutzungsende in einigen Ländern mittlerweile schon wieder konkrete Vereinbarungen vorliegen. Seit Beginn dieses Jahrhunderts legen die erneuerbaren Energien in ihren Versorgungsbeiträgen deutlich zu.

Auch heute stehen wir wieder vor einer Verzweigungssituation. Entwickeln wir uns trendgemäß weiter, bewegen wir uns also entlang einer „Business as Usual“-Strategie, ist davon auszugehen, dass uns das Klimaproblem einholen wird. Nach Berechnungen der Klimawissenschaftler droht dann ein Anstieg der weltweiten Mitteltemperatur von 1,5 bis zu 4,5°C mit absehbar katastrophalen Folgen für die Ökosysteme der Erde. Um diesen zu umgehen muss spätestens im Jahr 2015 ein „turn around“ geschafft sein, dass heißt der Scheitelpunkt der weltweiten Treibhausgasemissionen erreicht sein und das Emissionsniveau dann zur Mitte des Jahrhundert auf weniger als 50% des Niveaus des Jahres 1990 verringert werden.

Auf der anderen Seite steht die Möglichkeit, auf einer auf Effizienzsteigerung und verstärkten Einsatz erneuerbarer Energien basierenden Strategie die Weichen für eine klimaverträgliche, insgesamt nachhaltigere Energieversorgung zu stellen. Dafür gibt es nicht die eine Königstechnologie, sondern es ist eine Vielzahl von Optionen weiter zu entwickeln, deren Markteinführung und -umsetzung zu beschleunigen und an die relevanten Akteure heranzutragen. Um diesen Prozess zu gestalten und die Akteure zum Mitmachen zu bewegen, ist ein gehöriges Maß an Inspirationsfähigkeit erforderlich. Jede Art von Kunst ist ein Zeitspiegel gesellschaftlicher, politischer, technischer und naturgemäßer Entwicklungsvorgänge und -zustände. Das Ruhr-Atoll kann mit seinem künstlerischen Zugang zum Thema Energie einen weiteren wichtigen Beitrag zur Wahrnehmung und Stärkung des zeitgeschichtlichen Bewusstseins leisten.

Die Energieinseln machen die Energieversorgung von heute und morgen erfahrbar und sensibilisieren aufs Neue für dieses wichtige Zukunftsthema. Dass die kinetische Kunst Bewegungsenergie nutzt, die nicht selten in der Windenergie, den Wasserkräften oder der Solarenergie ihren Ursprung hat, schafft eine besondere Form der Verbindung zu diesen auch für eine klimaverträgliche Energieversorgung von morgen wichtigen Technologien.

 

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