Ruhr-Atoll – eine Symbiose aus Kunst und Energie | | Prof. Dr. Manfred Schneckenburger |
Der Baldeneysee − in weit zwischen sanften Hügeln ausgebreiteter Stausee im Ruhrgebiet. See, Himmel, Bäume lassen leicht an die klassischen Energien Wasser und Windkraft, aber auch an Sonnenenergie und Wachstum denken. Der Ort ist einfach prädestiniert für ein Projekt zum Thema „Kunst und Energie“. Kunst war und ist ein Energiepotential.
Hier knüpft Ruhr-Atoll an. Sein Erfinder und Promotor, der Künstler und Ausstellungsmacher Norbert Bauer, sieht künstlich angelegte „Inseln“ vor sich: jede eurythmisch ausgewogen im Wasser platziert, jede mit den natürlichen Energien in Kontakt, jede ein Standort für die Begegnung von Kunst und Wissenschaft, jede ein Kraftzentrum, in dem Kunst zur Forschung und Forschung zur Kunst wird, im Verein mit einer Neugier, die zusammenführt...
Ein erstes Fazit zum Thema „Kunst und Energie“ liegt schon ein gutes Vierteljahrhundert zurück. 1977 errichtete Otto Piene mit seinem „Center of Advanced Visual Studies“ auf der documenta 6 einen 18 Meter langen „Center Beam“: ein Gerüst für ca. 20 Elemente , Elementarkräfte und Energien, einen Aquädukt als Aktionstheater der verschiedenen Medien und kinetischen Effekte, von biologischen Wachstumstrieben und Eiskristallen, über die Naturkräfte Wasser und Wind, die frühindustrielle Kernenergie Dampf bis hin zu prismatischen Spiegelungen, stroboskopischen Lampen, Radiowellen, Lasern und Hologrammen. Eine Kurzfassung technischen Fortschritts seit Beginn der ersten industriellen Revolution, performativ und visuell gemacht – noch vor dem Ausbruch der Epoche von digitaler Kommunikation, Gen- und Nanotechnologie. Ruhr-Atoll aktualisiert diesen Diskurs, zeigt, was Piene noch nicht im Blick haben konnte.
Allein schon der Ort Baldeneysee realisiert als topografische Herausforderung die Grundidee. Internationale KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen sind bereit, neue Kooperationen einzugehen und unvorhersehbare Bildwelten - Stichwort „iconic turn“- zu realisieren.
Ruhr-Atoll schafft nicht nur eine hervorragende Plattform und landschaftliche Einbettung, sondern ist als Konzept künstlerisch, wissenschaftlich und technologisch von Grund auf neu: eine neunfache Positionsbestimmung von KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen auf einer Ebene mit den Energien Wasser, Wind und Sonne mit Natur und Erkenntnis − ein Festival der Verflechtung und Expansion.
Das Umfeld? NRW sah sich auf der EXPO in Hannover am besten durch eine elementare Urversion von Energie repräsentiert: durch die berühmte Zitrone von Joseph Beuys, aus deren Säure mittels eines sie durchbohrenden Kupferrohrs Elektrizität gewonnen wurde.
Der Baldeneysee als Stausee steigert die beuysche Idee ins Monumentale, indem er (in unmittelbarer Nähe zum Ruhr-Atoll) Wasserkraft in Strom verwandelt. Er liegt in einer Region, die wie keine andere im Übergang von der Montan- zur Medien- und Hightechgesellschaft auf kulturelle Energien setzt und diese aktiviert.
Dafür ist das Ruhr-Atoll ein komplexes Symbol, der Versuch einer Synthese, deren Nachdenklichkeit und deren Optimismus weit in die Zukunft schwingen werden.
Manfred Schneckenburger


