Kunsthistorische Gedanken |

Dr. Gabriele Uelsberg

Die Verbindung zwischen Kunst, Natur und Wissenschaft ist enger und zwangsläufiger, als sich dies in unserer oft von kommerziellen und technologischen Bedingungen bestimmten Gesellschaft darstellt. Gemeinsam ist Wissenschaft und Kunst unter anderem der leidenschaftliche Drang zur Forschung. Ein Künstler, der sich mit seiner gestalterischen Thematik auseinandersetzt, sie analysiert, der experimentiert und systematisiert, gelangt in den besten Ergebnissen zu innovativen Ansätzen. Die Wissenschaft wiederum ist in ihren trefflichsten Forschungsergebnissen eine Kunstform für sich. Nahe liegt es daher, jene Gattungen gerade in unserer heutigen Gesellschaft neu zu thematisieren und sie in ein spannungsvolles Miteinander zu bringen. Eine Aktion wie das geplante Ruhr - Projekt ist daher weit mehr als eine Ausstellungsrealisation, sondern stellt im Kontext einer Fragestellung nach Wissenschaft, Kunst, Natur und Utopie gleichsam ein gesellschaftliches Forschungsprojekt dar, an dem sehr unterschiedliche Positionen und Personen mitwirken.
Der Philosoph Konrad Fiedler (1841 – 1895) hat es einmal so formuliert:

„Die Kunst ist so gut Forschung wie die Wissenschaft, und die Wissenschaft ist so gut Gestaltung wie die Kunst. Die Kunst tritt ebenso notwendig in dem Augenblick auf, in dem der Mensch für sein erkennendes Bewusstsein die Welt zu schaffen gezwungen ist.“

Bei der Realisierung dieses Kunst-Wissenschaft-Projektes sind dabei nicht nur die klassischen Künstler-Ingenieure angesprochen, wie sie vielleicht am sinnfälligsten in einer Gestalt wie Leonardo da Vinci manifest geworden sind, der neben seiner künstlerischen Arbeit stets Gefallen und Erfolg in naturwissenschaftlichen und ingenieurmäßigen Aufgabenstellungen gefunden hat, sondern auch jene Kreativen, die sich ganz selbstverständlich seit vielen Jahren in ihrer Arbeit auf Energie, auf kinetische Elemente und auf moderne Technologien beziehen und diese in ihre Arbeit integrieren. Die kinetische Kunst wird dabei sicher einen besonderen Stellenwert in Bezug auf alle zu realisierenden Einzelprojekte darstellen, denn sie hat als besondere Kunstrichtung das 20. Jahrhundert maßgeblich mitbestimmt.

Der physikalische Begriff der Kinetik fand zwar erst in den 1920er Jahren Eingang in die Kunst, jedoch gab es bereits in der Antike Objekte, von denen einzelne Teile mittels integrierter Wassersysteme bewegt werden konnten. In der Neuzeit waren wiederum kinetische Anlagen besonders im Barock beliebt. Erhalten geblieben sind unter anderem solche Kunstwerke wie z. B. die des Fürsterzbischofs Markus Wittikus von Salzburg im Park des Schlosses Hellbrunn bei Salzburg. So streckt dort das sogenannte „Germaul“, ein Fratzenkopf in der Neptungrotte, die Zunge heraus und verdreht die Augen. Für den Betrachter nicht sichtbar, füllt sich durch zufließendes Wasser ein Behälter, der sich bei Vollwerden entleert und über eine Mechanik die Grimassen auslöst. Beliebt waren auch sogenannte mechanische Theater, bei denen sich Figuren bewegen und meist auch aus einer mechanischen Orgel Musik ertönt. Eine solche vielfigurige Schaubühne befindet sich ebenfalls im Schlosspark von Hellbrunn. Sie stammt aus der Mitte des 18. Jahrhunderts und wird ebenfalls durch Fließwasser in Gang gesetzt.

Der Begriff der kinetischen Kunst hat jedoch im 20. Jahrhundert einen besonderen Akzent gewonnen und ist vor allen Dingen in Verbindung mit Kunstwerken erfahrbar, die zum Teil durch Wind, Wasser oder durch elektrische Energie betrieben werden. So trägt in den 30er-Jahren unter anderem Alexander Calder mit seinen „Mobiles“ wesentlich zur Popularisierung der kinetischen Kunst bei. Eine neue Blütezeit erlebt die Kunstform nach dem II. Weltkrieg. Auf der Suche nach neuen künstlerischen Ausdrucksformen entstehen vor allen Dingen in den 50er und 60er Jahren Objekte, die sich selbst bewegen oder bei denen sich einzelne Teile bewegen lassen. Die Bewegung wird von Hand ausgelöst bzw. konstruktionsbedingt etwa durch Schwerkraft, Luftzug, aufsteigende Warmluft in Verbindung mit einer Wärmequelle wie Kerze, Batterie, Magnete oder Lichtaktionen ausgelöst. Einer der bedeutendsten Vertreter ist sicherlich Jean Tinguely. Mit seinen kinetischen Objekten und Projektionen und Aktionen nimmt er in der Kunst nach 1945 eine besondere Stellung ein und leistet den vielleicht eigenwilligsten Beitrag zur kinetischen Kunst. Er fühlte sich mit dem revolutionären Geist der Dadas verbunden, was in einer bewusst provozierenden Auseinandersetzung mit aktuellen Kunstströmungen der Zeit einfließt und als ironische Antwort auf die damals in Paris vorherrschende gestische Malerei des Informel zu verstehen war.

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