Das Konzept | | Norbert Bauer |
Exposé
„Kunst ist Energie - Energie ist Bewegung“ lautet die Formel für das Ruhr-Atoll. Künstler und Wissenschaftler sind eingeladen, sich gemeinsam auf eine verbindliche Themenstellung, die Vernetzung von Kunst und Energie, einzulassen, um unter Einsatz regenerativer Energieressourcen wie Wasser, Wind, Sonne schwimmende Kunstwerke zu generieren.
Ruhr-Atoll sucht die Transformation von physikalischer Energie in kreative Energie, in Bewegung, in Licht, in Klang - in Kunst, ein auf dem Wasser schwimmender, aus einzelnen Inseln bestehender, künstlerisch gestalteter „Energiepark“.
Das Konzept
Atolle sind Inseln, durch vulkanische Energie entstanden und von purer regenerativer Energie der Ozeane umgeben, haben den Menschen zu allen Zeiten fasziniert. Sie liefern daher, erst recht in Verbindung mit der Möglichkeit, neue Technologien und Materialien einzusetzen, eine Inspiration für Künstler, Techniker und Wissenschaftler.
Genreübergreifendes Arbeiten ist bekanntlich eine ideale Basis, wenn nicht gar unabdingbare Voraussetzung für Innovation. Carl-Ernst Osthaus entwickelte vor mehr als hundert Jahren die Folkwang-Idee der Einheit der Künste und legte die Grundlage für Hochschule und Museum in Essen und in Werden. Theodor W. Adorno forderte ebenjenes in den 1950er Jahren „als vitales Prinzip einer neuen Ausdrucksfähigkeit der Kunst“ ein. Was von ihm in erster Linie als eine „Grenzüberschreitung“ innerhalb der Künste verstanden wurde, erfährt im Projekt der Kunst-Inseln durch Einbeziehung von Technik und Wissenschaft eine neue Dimension.
Energie und Bewusstsein
Die Gewinnung von Energie war noch bis in die 70er Jahre durch Fördertürme, Halden, rauchende Schlote mit entsprechend hohen Emissionen im Ruhrgebiet allgegenwärtig und trotz dieser Widrigkeiten wertgeschätzt. Als Prozess ist sie seither physisch weit weniger wahrnehmbar und zunehmend aus dem Bewusstsein getilgt. Nachrückende Energieformen erforderten kaum noch körperlichen Einsatz, produzieren weniger Immissionen, entzogen sich – von den rotierenden Rädern der Windkraftanlagen einmal abgesehen – der sinnlichen Wahrnehmung und wurden entsprechend abstrahiert. Öl- und Gaspreis-Hausse, Kriege um die Energieressourcen überall auf der Welt unterstreichen nichtsdestotrotz die Brisanz des Themas, provozieren aufs Neue ein Umdenken und die Koalition der an einer „Zukunft“ interessierten Menschen. Das Ruhr-Atoll will Kunst schaffen, über die Kunst aber zugleich Inhalte zum Thema „Energie“ transportieren, will zur Diskussion anregen, Fragen aufwerfen, innovative Ideen kommunizieren, neue Perspektiven eröffnen.
Der Ort
Das Ruhr-Atoll entsteht am Übergang des Baldeneysees in die Ruhr, erstreckt sich stromabwärts bis ins Zentrum von Essen-Werden im Umfeld der Brehminsel. Für diesen Standort sprechen die zentrale, energiegeschichtlich interessante Topographie, eine ausreichende Fließbewegung des Wassers, die verkehrstechnische Anbindung und natürlich die Nähe zur Folkwang-Hochschule. Die Brehminsel mit ihrem mächtigen Baumbestand, großen Freiflächen und immer neuen Blickrichtungen bietet ideale Voraussetzungen für die Bespielung durch ein kulturell, pädagogisch, diskursiv und auch lustvoll faszinierendes Rahmenprogramm.
Interaktion und Nachhaltigkeit
Die Kunstinseln werden sowohl von der Staumauer im Gesamtbild zu sehen sein; im Detail sind sie aber nur über den Einsatz von Tret- oder Ruderbooten zu erschließen. Der Kunstbesucher wird die gewohnte Rolle des „die Kunst konsumierenden Flaneurs“ aufgeben, sich unter Einsatz eigener Energie den Zugang zu den Inseln erarbeiten und sich so aktiv in das Projekt einbringen müssen.
Durch die offenen aktivierenden Zugangsoptionen werden auch Menschen angesprochen und in die Diskussion eingebunden, denen der Zugang zu Kunst und Wissenschaft, aber auch zu Fragen der Energiegewinnung a piori eher verschlossen bliebe. Wie bei jedem Kunstwerk wird sich die Nachhaltigkeit des Ruhr-Atolls durch das manifestieren, was im Bewusstsein der Menschen bewirkt wird.
Umsetzung
Die Realisierung des Ruhr-Atolls begann für die interessierte Öffentlichkeit bereits 2004 über eine Visualisierung des Konzepts. Künstler und Wissenschaftler waren gebeten, maßstabgetreue Modelle möglicher Inselentwürfe zu erstellen. Das Ergebnis überzeugte und faszinierte Experten und Laien jeden Alters. 15 Inselmodelle entstanden und vermittelten einen ersten Blick auf das Ruhr-Atoll. Dabei erhoben die Modelle weder einzeln noch in ihrer Gesamtheit den Anspruch, ein verbindliches Abbild zu zeigen. Sie markierten vielmehr den Start eines kreativen Prozesses, der im Sommer 2010 seine Vollendung finden wird. Die Modelle wurden im „Palast der Projekte“ auf Zollverein, im Skulpturenmuseum „Glaskasten“ in Marl, in der Whitebox in München sowie in den Flottmann Hallen in Herne gezeigt.
In der Umsetzung seines didaktischen und diskursiven Ansatzes kooperieren die Ruhr-Atolle mit Institutionen, die sich im kulturellen und politischen Diskurs in Deutschland und Europa durch offenes Denken identifizieren wie das „Wuppertal-Institut“, das MUSE-Labor der Yehudi-Menuhin-Stiftung und viele andere mehr.


